
Körperliche Berührungen und Nähe sind entscheidend für die seelische und auch körperliche Zufriedenheit. Es ist bekannt, dass sexuelle Zufriedenheit, eine gesunde partnerschaftliche Beziehung und die Lebenszufriedenheit eng miteinander zusammenhängen.
Patientinnen und Patienten durchlaufen nach einem Schlaganfall einen Prozess der Selbstakzeptanz und auch der Selbstliebe, um sich wieder auf den Partner oder die Partnerin einlassen zu können. Wie kann man Liebe schenken und empfangen, solange man seinen Körper versucht, neu zu lieben und die Veränderungen im Körper wahrzunehmen und zu akzeptieren?
Wichtig ist es, sich selbst klarzumachen, dass die Gesundheit nach einem Schlaganfall beeinträchtigt ist. Gerade sexuelle Handlungen sind nicht nur durch körperliche Phänomene, sondern auch durch emotionale Aspekte geprägt.
An erster Stelle steht nicht etwa die Diskussion über mögliche Potenz-Probleme, Medikamenten-Nebenwirkungen oder körperliche Einschränkungen. Viel wichtiger ist die Kommunikation mit dem Lebenspartner oder der Lebenspartnerin.
Tipp: Reden Sie offen über Wünsche, Ängste und Hindernisse. Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen und vertrauen Sie Ihrem Körper. Paare müssen gegebenenfalls mit neuen Positionen, Techniken und Hilfsmitteln experimentieren, um Liebe und Freude zu empfinden und auch schenken zu können.
Die World Health Organisation definiert sexuelle Gesundheit als ein “Zustand des körperlichen, emotionalen, geistigen und sozialen Wohlbefindens in Bezug auf Sexualität”.
Somit ist eine gesunde sexuelle Beziehung nicht “nur” auf das Körperliche beschränkt, sondern mit vielen weiteren Faktoren verknüpft, welche einem oft selber gar nicht ganz klar sind.
Folgen des Schlaganfalls für die Sexualität
Der Schlaganfall zeigt bei Betroffenen nicht nur körperliche, sondern auch psychische Folgen.
Eine verminderte sexuelle Funktion, eine reduzierte sexuelle Aktivität und eine geringe Zufriedenheit mit dem Sexualleben sind häufig nach einem Schlaganfall.
Mögliche Folgen eines Schlaganfalls, wie zum Beispiel eine Halbseitenlähmung, Veränderungen der Wahrnehmung und auch Veränderungen in der Fähigkeit, Emotionen auszudrücken und zu interpretieren, können die sexuelle Aktivität beeinflussen. Trotz Verbesserungen der sichtbaren Probleme wie Lähmungen oder Muskelschwäche durch rehabilitative Maßnahmen, können psychische Probleme oder auch noch tiefgehende körperliche Probleme das sexuelle Verlangen und auch die Aktivität beeinflussen.
Studien haben gezeigt, dass zwei von drei Schlaganfall-Patienten innerhalb des ersten halben Jahres nach dem Schlaganfall keine sexuellen Aktivitäten durchführen. Auch die sexuelle Zufriedenheit nahm bei der Mehrheit der Betroffenen ab.
Eine sexuelle Dysfunktion ist ein häufiges Problem unter Schlaganfall-Betroffenen. Es zeigte sich in den Vereinigten Staaten, dass knapp 50 Prozent der Schlaganfall-Überlebenden und gute 30 Prozent der LebenspartnerInnen mit dem Sexualleben nach einem Schlaganfall unzufrieden waren. Ein Drittel der Schlaganfall-Überlebenden und 27 Prozent der EhepartnerInnen gaben sogar an, den Geschlechtsverkehr komplett eingestellt zu haben.7
Es zeigte sich ebenso ein Rückgang des Verlangens und der Zufriedenheit des Sexuallebens nach einem Schlaganfall, sowohl bei Männern als auch bei Frauen.8
Es ist wichtig, sich bereits während der Rehabilitation nach einem Schlaganfall mit dem Thema Sexualität auseinanderzusetzen. Hier kann eine Paartherapie die Lebensqualität von Betroffenen deutlich erhöhen und somit die emotionale und körperliche Gesundheit stärken. Die Betroffenen sollten nach einem Schlaganfall gemeinsam mit dem Partner oder der Partnerin mit einem behandelnden Arzt oder einer behandelnden Ärztin über die Intimität und die sexuelle Funktion reden.1
Wichtig zu betonen ist die Tatsache, dass sexuelle Aktivität nach einem Schlaganfall vertretbar, zumutbar und auch angemessen ist. Von sexuellen Handlungen geht meist keine Gefahr aus.
Wann nach dem Schlaganfall ist Sexualität wieder möglich?
Eine wichtige und häufig gestellte Frage ist, ab welchem Zeitpunkt Geschlechtsverkehr nach dem Schlaganfall wieder vertretbar ist und der Erholung nicht schadet.
Kausal kann man nicht für alle Betroffenen einen bestimmten Zeitrahmen festlegen. Die notwendige körperliche Schonung nach einem Schlaganfall kann sehr unterschiedlich sein. Eine wichtige Rolle dabei spielt die Größe des Infarktgebiets, die daraus resultierenden Schäden und bleibenden Beeinträchtigungen sowie der seelische und körperliche Zustand in der Zeit der Rehabilitation.
Hier ist es auch wichtig, dass sich jeder selber einen Überblick über seine körperliche Leistungsfähigkeit machen sollte. Nur weil ein Arzt sagt, dass nach 2 Monaten nichts gegen sexuelle Aktivität spricht, heißt das nicht, dass man sich subjektiv als leistungsfähig einschätzt.
Lähmungen
Eine Paraparese, also eine Lähmung beider Beine, fordert alle Beteiligten heraus. Hierbei ist auf neue Positionen und auch mögliche Hilfsmittel zurückzugreifen, um sich das Liebesleben attraktiver zu gestalten. Hilfreich ist es immer, wenn der oder die Betroffene auf dem Rücken liegt und dadurch die ”inaktive” Komponente übernimmt. Der Partner oder die Partnerin kann dann den “aktiveren” oberen Part übernehmen. Wenn die Frau oben sitzt, bezeichnet man das auch als Reiterstellung, wenn der Mann oben ist, nennt man es Missionarsstellung.Aphasie
Probleme des Sprach- und Sprechvermögens sind nach einem Schlaganfall keine Seltenheit. Die Hauptproblematik liegt in der Kommunikation vor, während und auch nach dem Geschlechtsakt. Die Steigerung der sexuellen Lust vollzieht sich zu einem großen Teil auch durch sprachliche Bestandteile. Hier ist bei einer Aphasie die nonverbale Kommunikation das A und O. Vermehrte Gesten und Berührungen können eine Intimität aufbauen.
Auch können mögliche Wünsche des Partners oder der Partnerin schwieriger wahrgenommen werden. Hier ist es wichtig, dass Wünsche und auch Vorschläge deutlich kommuniziert werden. Es kann hilfreich sein, bestimmte Codes einzuführen. Ein Kopfnicken kann als Zustimmung für die durchgeführte Handlung gelten, ein Kopfschütteln als eine Art Ablehnung.
Psychische Verfassung
Nach einem Schlaganfall sind sowohl bei den Schlaganfall-Betroffenen als auch bei den LebenspartnerInnen die Zufriedenheit mit dem Leben im Allgemeinen, aber auch oft die sexuellen Funktionen betroffen. Interessanterweise hat sich herausgestellt, dass die Beziehung zu dem Partner oder der Partnerin der einzige Bereich war, in dem Schlaganfall-Betroffene eine größere Zufriedenheit angaben als die EhepartnerInnen.
Die Entwicklung einer Depression nach einem Schlaganfall ist nicht selten. Antriebsmangel, Lustlosigkeit, emotionale Kälte und mangelnde Freude können einige von vielen möglichen Anzeichen und Symptomen sein.
Anfangs können kleine Tipps depressive Verstimmungen verbessern:
- Machen Sie sich eine Liste mit Dingen, auf die Sie sich an diesem Tag freuen
- Arbeiten Sie auf ein Ziel hin: das Kochen am Abend, der Hundespaziergang oder der Filmabend
- Fokussieren Sie sich nicht ausschließlich auf ihre Stimmung. Es ist normal, auch mal schlechter gelaunt oder emotionaler zu sein, der nächste Tag wird bestimmt besser
Aus einer anfänglichen depressiven Verstimmung kann sich jedoch auch eine richtige Depression entwickeln, welche von Ärzten betreut werden sollte. Hier gibt es einige Medikamente, die das Lustempfinden steigern und somit auch das sexuelle Leben wieder verbessern können.
Wie ist die Situation sechs Jahre nach einem Schlaganfall?
Eine Studie hat das sexuelle Leben und die Qualität bei Schlaganfall-Patienten sechs Jahre nach dem Schlaganfall untersucht. Es ist wichtig zu betonen, dass von den Befragten nicht nur negative Erfahrungen mitgeteilt wurden.
Viele erlebten eine Veränderung des Sexuallebens nach dem Schlaganfall. Vermindertes sexuelles Interesse und auch sexuelle Dysfunktion wurden von Betroffenen unter anderem auf die verminderte Wahrnehmungsfähigkeit, Schmerzen oder auch auf Müdigkeit zurückgeführt.
Einige Betroffene berichteten aber auch über positive sexuelle Entwicklungen nach dem Schlaganfall, die auf eine erhöhte Intimität zurückgeführt wurden.
Viele nahmen ihr Problem selbst in die Hand, indem sie Strategien zur Bewältigung ihrer sexuellen “Probleme” suchten. Sie versuchten zum Beispiel, mehr Zeit mit dem Partner bzw. der Partnerin zu verbringen oder einfach offen darüber zu sprechen. Die meisten Betroffenen, die ihr Sexualleben negativ erlebten, führten dies nicht auf die Folgen des Schlaganfalls zurück, sondern auf das fortgeschrittene Alter und die eigene Lebensphase.
Medikamentöse Nebenwirkungen
Häufige Medikamente, die nach dem Schlaganfall eingenommen werden:
- Blutdrucksenkende Medikation: Beta-Blocker, ACE Hemmer, Ca-Antagonisten
- Blutverdünner: Marcumar, NOAKs wie Rivaroxaban in dem Medikament Xarelto
- Statine
- Thrombozytenfunktionshemmer: Aspirin(ASS)
Studien haben gezeigt, dass jeder sechste Mann schon vor der Einnahme von blutdrucksenkenden Medikamenten unter einer erektilen Dysfunktion leidet. Während der Einnahme, unter anderem von Beta-Blockern und Ca-Antagonisten, hat sich der Anteil der erektilen Dysfunktion auf ein Viertel erhöht. Dies war interessanterweise jedoch auch bei der Placebo-Gruppe der Fall.
Welche Medikamente könnten die sexuelle Leistungsfähigkeit des Mannes reduzieren?
B-Blocker scheinen keinen wesentlichen Einfluss auf die Erektion an sich zu haben. Durch Müdigkeit als Nebenwirkung kann allerdings die sexuelle Lust reduziert sein. Eine leichte Zunahme der erektilen Dysfunktion zeigt sich bei der Einnahme von Diuretika, also “Entwässerungstabletten”.
Es scheint jedoch viel interessanter zu sein, dass sich durch einen erhöhten Blutdruck nicht nur Herzgefäße oder die Halsschlagader verändern, sondern auch die Gefäße, welche den Penis versorgen. Für die Erektion ist eine Ausschüttung von gefäßerweiternden Substanzen nötig, diese werden anscheinend bei Hypertonikern in geringerer Menge freigesetzt. Somit verläuft die Erektion nicht so schnell, dauerhaft und stark. Medikamente scheinen eine eher untergeordnete Rolle bei der Verschlechterung der erektilen Dysfunktion zu spielen.15
Neben der erektilen Dysfunktion kann die Einnahme von einer Vielzahl von Medikamenten häufig zu Nebenwirkungen führen. Jeder Körper reagiert anders. Müdigkeit und daraus resultierende mangelnde Lust kann auch als Folge der vielen Medikamente auftreten.
Andere Einflüsse auf das Sexualleben
Unabhängig von Schlaganfall-bedingten Folgen können auch altersbedingte Systemerkrankungen zusätzlich das Sexualleben beeinflussen.
Die Mehrheit der Schlaganfall-Patienten haben ein fortgeschrittenes Alter, dort sind Bluthochdruck, Diabetes, Herzschwäche, Gelenkprobleme und auch chronische Schmerzen regelmäßige Diagnosen. Diese Begleiterkrankungen sind zusätzliche Einflussfaktoren auf die Sexualfunktion des Einzelnen und können zu Folgeerkrankungen wie Müdigkeit und auch Depression führen.
Hauptprobleme sind im Allgemeinen vor allem Erektions- und Ejakulationsprobleme beim Mann, Befeuchtung-Probleme der Vagina bei der Frau und Orgasmus-Probleme bei beiden Geschlechtern.
Impotenz – erektile Dysfunktion
Studien zeigten, dass 75 Prozent der Schlaganfall-Überlebenden über eine erektile Dysfunktion berichten. Auch ist die allgemeine erektile Funktion bei männlichen Schlaganfall-Überlebenden im Vergleich zur “gesunden” Kontrollgruppe deutlich verringert.
Behandlungsmöglichkeiten der erektilen Dysfunktion beinhalten eine Lebensstiländerung, orale Medikamente (wie zum Beispiel Phosphodiesterase-Typ-5-Hemmer), Vakuum unterstützte erektile Geräte oder auch Zäpfchen. Gerade die Lebensstil-Änderung und auch die medikamentöse Therapie sind zumeist die ersten Behandlungsansätze, bevor man sich zu operativen Maßnahmen entscheidet.
Eine Verbesserung des Lebensstils beinhaltet vor allem die Reduktion von Risikofaktoren. Dazu zählen unter anderem Übergewicht, Rauchen, Depressionen und Bluthochdruck.
Es hat sich gezeigt, dass mangelnde körperliche Aktivität, Fettleibigkeit, ungesunde Ernährung und Zigarettenrauchen zur Entwicklung einer erektilen Dysfunktion beitragen können.
Die Veränderung des Lebensstils kann besonders das Fortschreiten der Dysfunktion verhindern.
Ein Gewichtsverlust scheint nicht nur die erektile Dysfunktion positiv zu beeinflussen, sondern auch die Qualität des Sexuallebens.
Eine Verminderung der Kalorienaufnahme ist mit einer Verbesserung der erektilen Funktion assoziiert, wohingegen Rauchen deutlich mit einer Verschlechterung der Problematik einhergeht.