Gehtraining : Warum sich der Blick immer auf die Füsse richtet

Beim Gehtraining mit dem Stock ständig nach unten zu schauen ist ein sehr verbreitetes Muster – und es hat nachvollziehbare Gründe: Unsicherheit, Angst vor Stolpern, der Wunsch, den Stock „korrekt“ zu setzen. Gleichzeitig kann dieses Muster den Fortschritt bremsen.

Hier ist eine klare, gut verständliche Orientierung, warum das passiert und wie Therapeut*innen es üblicherweise angehen – ohne individuelle medizinische Beratung zu ersetzen:

Warum man automatisch nach unten schaut
  • Sicherheitsgefühl: Der Blick kontrolliert den Stock und den Boden.
  • Kompensation: Wenn Gleichgewicht oder Propriozeption eingeschränkt sind, übernimmt der Blick die Kontrolle.
  • Gewohnheit: Nach neurologischen Ereignissen entwickelt sich schnell ein „Schutzverhalten“.

Warum der Blick nach unten langfristig hinderlich sein kann

Man wirkt „unsicherer“, obwohl man vielleicht schon stabiler wäre.

Die Halswirbelsäule wird überlastet, was zu Verspannungen führt.

Das Gleichgewichtssystem bekommt weniger Input, weil der Blick nicht nach vorne gerichtet ist.

Die Gangqualität wird unsicherer, weil der Körper nicht in einer natürlichen Aufrichtung arbeitet.

Wie Therapeut*innen das normalerweise trainieren

Das Ziel ist nicht, sofort „Kopf hoch!“ zu erzwingen, sondern Schritt für Schritt Sicherheit aufzubauen:

1. Blick 1–2 Meter voraus, nicht in die Ferne

So bleibt der Boden im peripheren Blickfeld, aber der Kopf richtet sich auf.

2. Stock-Setzen automatisieren

Wenn der Bewegungsrhythmus sicherer wird, braucht es weniger visuelle Kontrolle.

3. Geführte Übungen auf sicheren Untergründen

Therapeut*innen beginnen oft auf:

  • glatten, ebenen Böden
  • klaren Linien (z. B. Flur)
  • mit verbaler Begleitung („Stock – Schritt – Schritt“)
4. Aufrichtung über den Brustkorb statt über den Kopf

„Brustbein leicht anheben“ funktioniert oft besser als „Kopf hoch“.

5. Kurze Blickwechsel üben

Zum Beispiel:

  • 3 Schritte nach vorne schauen
  • 1 Schritt kurz nach unten
  • wieder nach vorne

So entsteht Vertrauen.

Ein kleiner, alltagstauglicher Trick

Stell dir vor, du gehst jemandem entgegen, den du begrüßen möchtest. Dieses Bild richtet den Körper automatisch auf, ohne Druck.

Zur besseren Visualisierung kann auch ein Gegenstand fokusiert werden bsp. ein Bild, eine Vase mit Blumen oder ein Stofftier.

Mini-Übung: „Der Horizont-Blick“

Ziel

Den Blick beim Gehen mit Stock schrittweise vom Boden lösen – ohne Druck, ohne Risiko.

Ablauf (ca. 30–60 Sekunden)
1. Startposition
  • Stehe stabil.
  • Stock in der Hand, wie gewohnt.
  • Atme einmal ruhig ein und aus.
2. Der „Horizont-Punkt“
  • Wähle einen Punkt 1–2 Meter vor dir (Türrahmen, Wandmarkierung, Pflanze).
  • Stell dir vor, dieser Punkt zieht dich sanft nach vorne.
3. 3 Schritte – Blick vorne
  • Setze den Stock wie gewohnt.
  • Mache 3 Schritte, während dein Blick beim Horizont-Punkt bleibt.
  • Der Boden bleibt im peripheren Blickfeld – du musst ihn nicht direkt ansehen.
4. 1 Schritt – kurzer Kontrollblick
  • Jetzt ein kurzer Blick nach unten: „Alles gut? Ja.“
  • Dann wieder zum Horizont-Punkt zurück.
5. Wiederholen
  • 3 Schritte vorne
  • 1 Schritt unten
  • … und so weiter.

Schreibe einen Kommentar