Plastizität des Nervensystems – Was ist das?

Die neuronale Plastizität bezeichnet die lebenslange Lern- und Anpassungsfähigkeit des Nervensystems. Auch im fortgeschrittenen Alter kann das Gehirn noch Neues lernen.

Lernen geschieht durch die Reaktion auf innere Reize oder Umweltreize. Das daraus entstehende Wechselspiel zwischen der Umwelt und den inneren Bedürfnissen sorgt für einen ständigen, für das Nervensystem wichtigen Informationsfluss.

Was ist zielgerichtetes Handeln?

Verspüren wir Durst, gehen wir diesem inneren Bedürfnis nach. Ist das Glas leer, müssen wir es auffüllen (Interaktion mit der Umwelt). Dann können wir den Durst löschen (Befriedigung des inneren Bedürfnisses). Man spricht von einer zielgerichteten Handlung. Durch die Bobath-Therapie sollen nicht nur „zufällige“, sondern „richtige“ Verknüpfungen gebildet werden. Physiologische (=natürliche) Bewegungsabläufe werden wiedererlernt und in den Alltag integriert.

Befund und Behandlung nach dem Bobath-Konzept

Neurologische Erkrankungsbilder sind sehr vielfältig und daher in der Befundung sowie Behandlung sehr komplex. Das Beobachten und Analysieren von Bewegungsmustern ist die Basis für die Befundung nach dem Bobath-Konzept. Es wird zwischen physiologischen und pathologischen Bewegungsmustern unterschieden.
In der weiteren Arbeit mit dem Bobath-Konzept sollen Bewegungsabläufe so früh wie möglich wieder physiologisch erlernt werden. Die Neuverknüpfungsprozesse im Körper beginnen unmittelbar nach einer Schädigung und werden kontinuierlich fortgeführt. Daher ist die frühe und adäquate Reizsetzung ein essentieller Grundstein der Therapie.

Schlaganfall und das Bobath-Konzept

Nach einem Schlaganfall kommt es häufig zu einer halbseitigen Lähmung des Körpers (Gesicht / Rumpf / Arm / Bein). Die Aktivierung und das Einbeziehen der betroffenen Körperseite ist zentraler Bestandteil der Bobath-Therapie. Der Physiotherapeut analysiert die Ausgangssituation und ein gemeinsames Ziel wird formuliert. Die verlorengegangenen Bewegungsabläufe sollen durch adäquate Reize „neu erlernt“ werden.

„Ich möchte selbst ein Glas Wasser einschenken können!“

Ein Patient äußerst den Wunsch, ein Glas wieder selbstständig füllen zu können. Dafür müssen verschiedene Bewegungskomponenten analysiert und erarbeitet werden:

  • Öffnen / Schließen der Hand
  • Strecken / Beugen im Ellbogengelenk
  • Anheben / Absenken des Schultergelenks

Weiters ist eine bestimmte Kraftdosierung notwendig.
Diese und weitere Komponenten des Einschenkens eines Wasserglases waren ursprünglich automatisierte Bewegungen. Sie waren durch tausendfache Wiederholung „eingespeichert“. Ein bewusstes Mitdenken war nicht mehr notwendig. Durch den Schlaganfall sind die entsprechenden Verknüpfungen im Gehirn zerstört oder beeinträchtigt worden. Der korrekte Bewegungsablauf ist nicht mehr oder nur mehr eingeschränkt möglich. Die Bewegung muss neu erlernt werden.

Wie gelingt die Therapie?

Lernen ist ein komplexer Vorgang und von vielen weiteren Faktoren, wie z.B. Lust / Unlust, Sinnhaftigkeit, Abwechslung usw. abhängig. Immer gleich ablaufende Wiederholungen eines Bewegungsmusters ermüden das Gehirn und wirken dem Lernen entgegen. Eine sich laufend verändernde Umgebung, spielerischer Zugang, verschiedene Ausgangspositionen (Stehen, Sitzen, Gehen) und auch die Nutzung unterschiedlicher Therapiematerialien fördern die Vernetzung im Gehirn. Ebenso gehört das „Fehler machen“ zum Lernen dazu.

Sensomotorisches Lernen und somit das Abspeichern bestimmter Bewegungsmuster erfolgt über vielfache Wiederholung. Dadurch wird das Bewegungsmuster automatisiert. Adäquates Tempo, Geschicklichkeit und Koordination können wieder erreicht werden. Erst dann wird der Patient auch im Alltag wieder spontan den betroffenen Körperteil für die gewünschte Bewegung nutzen. Je physiologischer ein Bewegungsablauf stattfinden kann, desto eher entsteht eine Alltagsrelevanz.

Hilfsmittel wie z.B. Schienen oder Gehhilfen werden in der Bobath-Therapie vorübergehend als Unterstützung eingesetzt. Schlussendlich soll der Patient aber kontinuierlich und gezielt wieder in die Lage versetzt werden, seinen Alltag soweit möglich ohne fremde Hilfe und Hilfsmittel bewältigen zu können.

Innerhalb des Bobath-Konzeptes gibt es verschiedene Herangehensweisen, die alle ihre Berechtigung haben. In diesem Artikel wird nur ein Teilaspekt der Bobath-Therapie aufgegriffen.

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