Warum die gelähmte (Hemiparese) Körper-Seite unbedingt in den Alltag einbezogen gehört
Eine Lähmung – zum Beispiel nach einem Schlaganfall oder einer neurologischen Erkrankung – verändert das Leben von einem Moment auf den anderen. Viele Betroffene neigen verständlicherweise dazu, die eingeschränkte Körperseite zu schonen und stattdessen die „funktionierende“ Seite zu nutzen. Kurzfristig fühlt sich das einfacher an. Langfristig jedoch kann genau das die Erholung bremsen.
Denn unser Gehirn besitzt eine beeindruckende Fähigkeit: Neuroplastizität. Und diese Fähigkeit können wir gezielt nutzen.
Was bedeutet Neuroplastizität?
Neuroplastizität beschreibt die Fähigkeit des Gehirns, sich zu verändern und neu zu organisieren. Nervenzellen können neue Verbindungen aufbauen, bestehende Verbindungen verstärken oder umstrukturieren. Besonders nach Schädigungen – etwa durch einen Schlaganfall – versucht das Gehirn, verlorene Funktionen über alternative Netzwerke zu kompensieren.
Aber: Diese Anpassung geschieht nicht von allein. Sie braucht Impulse, Wiederholung und aktive Nutzung.
Warum Schonung oft das Gegenteil bewirkt
Wenn die gelähmte oder stark eingeschränkte Seite im Alltag kaum genutzt wird, sendet sie nur wenige Reize an das Gehirn.
Das hat Folgen:
Das hat Folgen:
Die neuronalen Verbindungen werden schwächer.
Bewegungsmuster verfestigen sich einseitig.
Die Wahrnehmung der betroffenen Seite nimmt weiter ab.
Die „Nicht-Nutzung“ wird zur Gewohnheit.
In der Rehabilitation spricht man hier vom sogenannten „erlernten Nichtgebrauch“. Das Gehirn lernt gewissermaßen: Diese Seite wird nicht gebraucht. Und genau das möchten wir verhindern.
Nutzung fördert Verbindung.
Jede noch so kleine Aktivierung der betroffenen Seite sendet Signale an das Gehirn. Selbst minimale Bewegungsversuche, Berührungsreize oder bewusstes Einbeziehen im Alltag können dazu beitragen:
neue neuronale Verbindungen anzuregen
bestehende Netzwerke zu stabilisieren
motorische Kontrolle schrittweise zu verbessern
Körperwahrnehmung wieder aufzubauen
Wichtig ist dabei nicht Perfektion, sondern Regelmäßigkeit und Aufmerksamkeit.
Alltag als Trainingsfeld
Rehabilitation findet nicht nur in der Therapie statt – sie passiert jeden Tag. Der Alltag bietet unzählige Möglichkeiten, die betroffene Seite einzubeziehen:
Beim Anziehen bewusst beide Hände einsetzen
Beim Tischdecken die gelähmte Hand mitführen oder stabilisieren lassen
Gegenstände mit beiden Händen halten
Die betroffene Seite bei Gesprächen oder Tätigkeiten bewusst ins Blickfeld nehmen
Berührungs- oder Druckreize gezielt setzen
Auch wenn Bewegungen zunächst langsam oder unkoordiniert sind – jede Aktivierung zählt.
Kleine Schritte, große Wirkung. Fortschritte und Prozesse brauchen Zeit. Wiederholung stärkt synaptische Verbindungen – vergleichbar mit einem Trampelpfad, der durch häufiges Begehen zu einem festen Weg wird.
Studien aus der neurologischen Rehabilitation, zeigen, dass gezielte, wiederholte Aktivierung entscheidend für nachhaltige Veränderungen im Gehirn ist.
Motivation statt Überforderung
Das Einbinden der gelähmten Seite bedeutet nicht, sich zu überfordern. Es geht nicht darum, alles perfekt oder ohne Hilfsmittel zu schaffen. Es geht darum, dem Gehirn immer wieder die Botschaft zu senden:
„Diese Seite gehört dazu.“
Unterstützung durch Physiotherapie, Ergotherapie oder neuropsychologische Begleitung kann helfen, passende Strategien zu entwickeln. Aber der entscheidende Trainingsraum bleibt der Alltag.
Fazit
Die gelähmte Seite aus Bequemlichkeit oder Frustration auszuklammern, ist nachvollziehbar – doch langfristig kontraproduktiv. Wer sie bewusst in alltägliche Abläufe integriert, fördert die Kommunikation zwischen Gehirn und Körper und unterstützt die natürliche Fähigkeit zur Neuroplastizität.
Jede Bewegung, jeder Reiz, jede bewusste Einbindung ist ein Schritt in Richtung Wiedervernetzung.
Und manchmal beginnt Fortschritt genau dort, wo man sich traut, es trotzdem zu versuchen.
VITALIBERA TIPP
eine ganz einfache Möglichkeit ist es, die Armbanduhr auf der Betroffenen Seite zu tragen!
Jeder Blick dorthin hilft!

Das Prinzip “Use it or lose it” (Benutze es oder verliere es) ist zentral in der Schlaganfall-Rehabilitation. Es besagt, dass nicht genutzte Hirnareale und Fähigkeiten verkümmern, während intensives Training die Neuroplastizität nutzt, um verlorene Funktionen durch gesunde Hirnbereiche neu zu lernen. Frühzeitige, intensive Aktivitätverhindert Dekonditionierung.
Wichtige Aspekte von “Use it or lose it” nach Schlaganfall:
- Neuroplastizität: Das Gehirn kann sich bis ins hohe Alter umstrukturieren und Funktionen nach einem Schlaganfall neu erlernen, sofern es aktiv gefordert wird.
- Forced-Use Therapy (Constraint-Induced Movement Therapy): Die gesunde Körperseite wird fixiert, um die betroffene Seite intensiv zur Nutzung zu zwingen, was die Verbindung zwischen Nerven und Muskeln stärkt.
- Intensität zählt: Die Rehabilitation muss repetitiv und zielgerichtet sein, um effektiv zu sein.
- Gefahr der Inaktivität: Wird die betroffene Seite nicht genutzt, schwindet die erlernte Selbstständigkeit.
- Ganzheitlicher Ansatz: Neben körperlichem Training ist auch kognitive Stimulation (Lesen, Gespräche, Spiele) entscheidend, um den Abbau im Gehirn zu verhindern.