Gangunsicherheit im Alltag nach Hirnverletzung fördern – Ein Praxisleitfaden für Angehörige

Nach einer Hirnverletzung, einem Schlaganfall, einer Hirnblutung oder einem Schädel-Hirn-Trauma beginnt für Betroffene und ihre Angehörigen oft ein langer Weg der Rehabilitation.

Neben der medizinischen und therapeutischen Behandlung spielen die alltäglichen Aktivitäten eine entscheidende Rolle für den Genesungsprozess. Angehörige können dabei einen wertvollen Beitrag leisten, indem sie Bewegung, Selbstständigkeit, Motivation und Lebensfreude gezielt im Alltag fördern.

Dieses Training muss nicht immer wie Therapie aussehen. Viele wirksame Übungen lassen sich in gewöhnliche Alltagssituationen integrieren – beim Aufstehen, Gehen, Kochen, Einkaufen oder bei gemeinsamen Freizeitaktivitäten.

Ziel ist es, die körperlichen Fähigkeiten wie Gleichgewicht, Gangsicherheit und Armfunktion zu verbessern, gleichzeitig aber auch das Selbstvertrauen, die Motivation und das Durchhaltevermögen der betroffenen Person zu stärken.

Jeder noch so kleine Fortschritt ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zurück zu mehr Selbstständigkeit und Lebensqualität. Mit Geduld, Verständnis und regelmäßiger Übung können Angehörige zu einer wichtigen Stütze im Genesungsprozess werden.

Wichtig: Immer auf ausreichende Sicherung achten (Geländer, stabile Tischplatte, Begleitperson), damit keine Sturzgefahr besteht.

1. Gewichtsverlagerung im Stand

Ziel: Sicher auf dem betroffenen Bein stehen lernen.

  • Beide Füße hüftbreit aufstellen.
  • Gewicht langsam nach rechts und links verlagern.
  • 3–5 Sekunden halten.
  • 10–20 Wiederholungen.

Später: Mehr Gewicht auf die betroffene Seite bringen.

2. Marschieren am Platz

Ziel: Schrittauslösung und Gleichgewicht verbessern.

  • An einer Küchenzeile oder einem Geländer/Handlauf festhalten.
  • Abwechselnd Knie anheben.
  • Langsam und kontrolliert.

1–3 Minuten.

3. Seitliche Schritte

Ziel: Stürze zur Seite verhindern.

  • Entlang einer Küchenzeile gehen.
  • 5–10 Schritte nach rechts.
  • 5–10 Schritte nach links.

2–3 Durchgänge.

4. Gehen mit bewussten Stopps

Ziel: Kontrolle beim Gehen.

  • Einige Meter gehen.
  • Auf Kommando anhalten.
  • Stehen bleiben.
  • Dann weitergehen.

Dadurch werden Gleichgewicht und Reaktionsfähigkeit trainiert.

5. Richtungswechsel üben

Viele Stürze passieren beim Drehen.

  • Im Stand kleine Schritte zur Drehung machen.
  • Nicht auf einem Bein drehen.
  • Rechts und links üben.

5–10 Wiederholungen.

6. Zielgerichtetes Gehen

Ziel: Alltagstauglichkeit erhöhen.

Beispiele:

  • Zum Briefkasten gehen.
  • Ein Glas von einem Tisch holen.
  • Gegenstände in einem Raum einsammeln.

Das Gehirn lernt oft besser bei sinnvollen Aufgaben als bei reinen Übungen.

7. Hindernisse umgehen

Nur bei ausreichender Sicherheit.

  • Um Stühle, kleine Pylonen oder Hütchen gehen.
  • Kleine Slalomstrecken aufbauen.

Fördert Koordination und räumliche Orientierung.

8. Aufstehen und Hinsetzen

Eine der wichtigsten Alltagsübungen.

  • Von einem stabilen Stuhl aufstehen.
  • Kurz stehen bleiben.
  • Langsam wieder hinsetzen.

10–15 Wiederholungen.

9. Treppenstufe nutzen

Falls vom Therapeuten erlaubt:

  • Mit einem Fuß auf eine niedrige Stufe steigen.
  • Wieder zurück.
  • Seite wechseln.

Trainiert Kraft, Gleichgewicht und Schrittsicherheit.

10. Dual-Task-Training

Für fortgeschrittene Betroffene:

  • Gehen und dabei:
    • Wochentage nennen
    • rückwärts zählen
    • Gegenstände aufzählen
    • Einen Witz erzählen

Dadurch wird das Gehen unter Alltagsbedingungen trainiert.

Besonders wirksam für den Alltag

Wenn du als Angehöriger nur drei Übungen täglich einbauen möchtest, empfehle ich:

  1. Aufstehen und Hinsetzen
  2. Gewichtsverlagerungen nach rechts und links
  3. Mehrere kurze Gehstrecken mit Richtungswechseln

Diese Übungen bilden viele typische Alltagssituationen ab und fördern Sicherheit, Selbstständigkeit und Vertrauen in die eigene Bewegungsfähigkeit.

Motiviere statt zu drängen. Ermutige deinen Angehörigen, neue Dinge auszuprobieren und kleine Herausforderungen anzunehmen. Lobe jeden Fortschritt – auch wenn er noch so klein erscheint. Positive Erfahrungen stärken das Selbstvertrauen, fördern die Motivation und helfen, Rückschläge besser zu bewältigen.

Denk daran: Nicht Perfektion ist das Ziel, sondern kontinuierlicher Fortschritt. Jeder Schritt, jede selbstständig erledigte Aufgabe und jede gemeisterte Herausforderung ist ein Erfolg auf dem Weg der Genesung.