Verbände nach einer Hirnschädigung
Ein Schädel-Hirn-Trauma oder eine andere neurologische Erkrankung verändert das Leben von einer Sekunde auf die andere. Doch Bewegung ist einer der stärksten Motoren für die Neuroplastizität – die Fähigkeit des Gehirns, sich neu zu strukturieren. In Deutschland und der Schweiz gibt es ein dichtes Netz an Organisationen, die Betroffene dabei unterstützen, sportlich aktiv zu werden.
1. Die Situation in Deutschland: Rehasport als Einstieg
In Deutschland ist der Weg zum Sport oft eng mit dem Gesundheitssystem verknüpft. Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) ist hier der zentrale Akteur.
Der Weg über das “Rezept”
Der Einstieg erfolgt meist über den Rehabilitationssport. Ärzte können diesen verordnen (Formular 56), und die Krankenkassen übernehmen in der Regel die Kosten für 50 Übungseinheiten (innerhalb von 18 Monaten).
- Fachbereich Neurologie: Für Menschen mit Hirnschäden gibt es spezielle Gruppen, die auf neurologische Defizite wie Lähmungen oder Koordinationsstörungen ausgerichtet sind.
- Vereinssuche: Über das Portal parasport.de lässt sich gezielt nach Vereinen suchen, die das Zertifikat “Rehasport” tragen.
Breitensport und Inklusion
Über den medizinisch notwendigen Sport hinaus bieten viele Vereine inklusiven Breitensport an. Von Rollstuhlbasketball bis hin zu Para-Leichtathletik – der Fokus liegt hier auf dem Gemeinschaftserlebnis und der Steigerung der Lebensqualität.
2. Die Situation in der Schweiz: PluSport und Procap
Die Schweiz verfügt über ein hervorragendes System, das Sport als festen Bestandteil der sozialen Teilhabe begreift.
PluSport: Das Kompetenzzentrum
PluSport Behindertensport Schweiz ist die Dachorganisation. Mit über 80 Mitgliedsclubs bietet der Verband ein riesiges Spektrum an:
- Sportclubs: In fast jeder Region gibt es spezialisierte Clubs, die von Schwimmen bis hin zu Klettern alles abdecken.
- Sportcamps: Ein Highlight in der Schweiz sind die PluSport-Camps, in denen Menschen mit Handicap gemeinsam eine Woche lang neue Sportarten ausprobieren können.
Procap Sport
Procap ist der größte Mitgliederverband von und für Menschen mit Behinderungen in der Schweiz. In über 40 Sportgruppen steht der Spass an der Bewegung und die Begegnung im Vordergrund. Besonders stark sind sie im Bereich Wassergymnastik und polysportive Aktivitäten vertreten.
4. Tipps für den Neustart
Egal ob in Hamburg oder Zürich – wer nach einer Hirnschädigung wieder mit Sport beginnen möchte, sollte folgende Schritte beachten:
- Rücksprache mit Medizinern: Kläre ab, welche Belastungsintensität (Puls, Kraftaufwand) für dich sicher ist.
- Schnuppertraining: Die meisten Vereine in beiden Ländern bieten kostenlose Probetrainings an. Achte darauf, ob die Trainer Erfahrung mit neurologischen Krankheitsbildern haben.
- Geduld: Fortschritte im Nervensystem brauchen Zeit. Es geht nicht um Rekorde, sondern um die Kontinuität.
- DE: www.dbs-npc.de (Deutscher Behindertensportverband)
- CH: www.plusport.ch (PluSport Schweiz)
VITALIBERA TIPP, für jeden etwas:Es gibt eine beeindruckende Vielfalt an Sportarten, die so angepasst werden können, dass sie auch mit körperlichen Einschränkungen – wie Lähmungen oder Koordinationsschwierigkeiten – nicht nur möglich sind, sondern auch enormen Spaß machen.
Hier ist eine Übersicht, unterteilt nach den Schwerpunkten der Förderung:
1. Präzision & Fokus
Diese Sportarten sind ideal, um die Auge-Hand-Koordination und die Konzentration zu trainieren.
- Bogenschießen: Kann im Sitzen (Rollstuhl) oder Stehen ausgeübt werden. Es stärkt die Rumpfmuskulatur und die mentale Ruhe.
- Boccia / Pétanque: Ein Klassiker im Behindertensport, der sehr taktisch ist und wenig grobmotorische Kraft erfordert.
- Darts: Fördert die Feinmotorik und lässt sich leicht an unterschiedliche Höhen anpassen.
2. Ausdauer & Dynamik
Perfekt für das Herz-Kreislauf-System und die allgemeine Fitness.
- Handbiken: Eine großartige Alternative zum Fahrradfahren, wenn die Beine nicht genutzt werden können. Es ermöglicht lange Touren in der Natur.
- Schwimmen: Das Wasser trägt das Körpergewicht, löst Spastiken und ermöglicht Bewegungen, die an Land oft nicht möglich sind.
- Rollstuhl-Tennis / Tischtennis: Sehr dynamisch und fördert die Schnelligkeit sowie die Beweglichkeit des Oberkörpers.
- Para-Leichtathletik: Dazu gehören Disziplinen wie Rennrollstuhlfahren oder Keulenwurf (als Ersatz für Speerwurf bei eingeschränkter Greiffunktion).
3. Balance & Körpergefühl
Diese Sportarten helfen besonders dabei, das Gleichgewicht und die Wahrnehmung des eigenen Körpers zu verbessern.
- Therapeutisches Reiten (Hippotherapie): Die Bewegungen des Pferdes übertragen sich auf das Becken des Reiters und können helfen, Lähmungserscheinungen zu lindern und die Rumpfspannung aufzubauen.
- Sitz-Yoga / Rollstuhl-Yoga: Fokus auf Atmung und sanfte Dehnung, was besonders bei Verspannungen durch einseitige Belastungen hilft.
- Segeln: Es gibt speziell umgebaute Boote (z. B. die Hansa-Klasse), die absolut kentersicher sind und über Joysticks oder Seilzüge gesteuert werden können.
4. Teamsport & Gemeinschaft
Hier steht der soziale Austausch im Vordergrund.
- Basketball Rollstuhlbasketball: Einer der bekanntesten inklusiven Sportarten mit einem ausgeklügelten Punktesystem, das unterschiedliche Grade der Beeinträchtigung fair ausgleicht.
- Sitzball / Sitzvolleyball: Wird auf dem Boden gespielt, was die Barriere zwischen Menschen mit und ohne Gehbehinderung fast vollständig aufhebt.
- fußball Blindenfußball: Für Menschen mit Sehbehinderung, bei dem ein Rasselball zum Einsatz kommt.
Welcher Sport passt zu wem?
In Deutschland bieten die Landesverbände des DBS oft Schnuppertage an. In der Schweiz ist PluSport die beste Adresse, um in verschiedene Disziplinen hineinzuschnuppern.
