Einfluss des Wetters auf das Schlaganfall-Risiko

Besonders im Frühling und im Herbst verändert sich das Wetter schlagartig und die Temperaturen schwanken zwischen sommerlich warmen Tagen und Minusgraden. Viele Menschen reagieren sensibel auf diese Wetterveränderungen und klagen über Kopfschmerzen, Stimmungsschwankungen und Müdigkeit.

Auch Schlaganfall-SpezialistInnen stellen einen Zusammenhang zwischen Wetterveränderungen und dem Auftreten von Schlaganfällen fest. Diese Beobachtungen veranlasste mehrere Forschungsgruppen in den letzten Jahren zu genaueren Untersuchungen.

Am Lehrstuhl für Physische Geographie der Universität Augsburg wurden im Zeitraum von 2006 bis 2015 circa 18.000 Schlag­an­fall-PatientInnen untersucht, die am Universitätsklinikum Augsburg in Behandlung waren.

Dabei wurden sie, anders als in anderen Studien, in Untergruppen von Schlaganfällen eingeteilt. Es wurde zwischen hämorrhagischen Schlaganfällen (Hirnblutungen) und ischämischen Schlaganfällen (Hirninfarkten) unterschieden.

Den Hirninfarkten lagen unterschiedliche Ursachen zugrunde. Kardioembolische Ursachen beziehen sich auf das Ausschwemmen eines Blutgerinnsels (Thrombus) aus dem Herzen in den Körperkreislauf mit Verstopfung einer Hirnarterie.

Unter Mikro- und Makroangiopathien versteht man atherosklerotische Veränderungen der kleinen bis mittelgroßen und großen Gefäße mit Einengung oder Verschluss hirnversorgender Arterien.

Luftmassen und Temperaturunterschiede

Das interdisziplinäre Team aus NeurologInnen und KlimaforscherInnen ermittelte 10 Jahre lang, welches Wetter am Tag eines Schlaganfall-Ereignisses und den 2 bis 5 Tagen davor herrschte und teilte die Ereignisse unterschiedlichen Luftmassen-Kategorien zu.

Dabei kamen sie zu folgenden signifikanten Ergebnissen:

  • Bei trocken-warmen / tropischen Luftmassen steigt das Risiko für ischämische Schlaganfälle bzw. Hirninfarkte, denen eine Makroangiopathie zugrunde liegt, an. Dies gilt jedoch nur für PatientInnen mit einem erhöhten Schlaganfall-Risiko. Im Gegensatz dazu nimmt das Risiko für hä­­morrha­gische Schlaganfälle bei diesen Wetterbedingungen ab.
  • Bei trocken-kalten / polaren Luftmassen zeigte die Studie, dass hämor­rhagische Schlaganfälle bei PatientInnen ab 65 Jahren eher auftraten, wohingegen ischämische Schlaganfälle allgemein seltener vorkamen. Bei PatientInnen über 65 Jahren reduzierte sich die Zahl der kardioembolischen sowie mikroangiopathischen Schlaganfälle, während die Fälle von makroangiopathischen Schlaganfällen unabhängig vom Alter der PatientInnen abnahmen.
  • Feuchte Luftmassen sind im Allgemeinen mit einer geringeren Häufigkeit (Inzidenz) von Schlaganfällen verbunden.

Neben den Luftmassen wurden auch Temperaturschwankungen im Zusammenhang mit Schlaganfall-Ereignissen untersucht.

Bei männlichen Patienten war ein starker Temperaturanstieg in den fünf Tagen vor dem Ereignis mit einem geringeren Risiko für hämorrhagische Schlaganfälle assoziiert.

Temperaturerhöhungen waren mit geringeren Risiken für makroangiopathische und kardioembolische Schlaganfälle verbunden. Dies jedoch nur bei PatientInnen mit bereits vorhandenen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes mellitus und erhöhten Blutfettwerten bzw. Dyslipoproteinämie.

Signifikante Temperaturabnahmen waren wiederum mit einem höheren Risiko für makroangiopathische Schlaganfälle verbunden.

Schnelle Veränderungen in Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Luftdruck

In einer weiteren Studie untersuchte ein Forschungsteam in Jena von Januar 2003 bis Dezember 2010 den Zusammenhang zwischen schnellen Wetteränderungen und dem Risiko für Schlaganfälle.

Die ForscherInnen untersuchten hierfür 1.694 PatientInnen mit der Diagnose einer transitorisch ischämischen Attacke (TIA) oder einem ischämischen Schlaganfall.

Sie identifizierten schlussendlich drei maßgebliche Einflussfaktoren auf das Schlaganfallrisiko.
Rapide Veränderungen in der mittleren Umgebungstemperatur, schnelle Wechsel der relativen Luftfeuchtigkeit sowie des Luftdrucks erhöhen die Wahrscheinlichkeit eines Schlaganfalls.

Die Blutgefäße im Körper weiten sich bei hohen Außentemperaturen. Die Haut wird dadurch besser durchblutet und Wärme kann leichter vom Körper an die Umgebung abgegeben werden.

Das Gegenteil geschieht bei niedrigen Außentemperaturen. Die Gefäße ziehen sich zusammen, um den Körper vor dem Auskühlen zu schützen. Blutgerinnsel, die über die Blutbahn ins Gehirn gelangen, können die verengten hirnversorgenden Arterien leichter verschließen und es kommt zu einem Schlaganfall.

Der Zusammenhang zwischen Temperatur und Schlaganfallrisiko ist nahezu linear

Folgende Ergebnisse wurden in Jena zusammengetragen:

  • Für jeden Temperaturabfall von 2,9 °C über 24 Stunden stieg das Risiko für einen Schlaganfall um 11 Prozent.
  • Bei Personen mit einem höheren kardiovaskulären Risiko durch Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus oder erhöhte Blutfettwerte stieg das Schlaganfallrisiko sogar um 30 Prozent an.
  • Das Risiko für kardioembolische Schlaganfälle stieg ebenfalls um 26 Prozent an.
  • Bei Temperaturerhöhungen von mehr als 5 °C sank das Schlaganfallrisiko um bis zu 47 Prozent.
  • Ein linearer Zusammenhang zwischen Änderungen der relativen Luftfeuchtigkeit, des Luftdrucks und dem Schlaganfallrisiko konnte im Allgemeinen jedoch nicht festgestellt werden.
  • Größere Zunahmen sowie größere Abnahmen dieser Variablen innerhalb von 24 Stunden waren mit einem erhöhten Schlaganfallrisiko verbunden.
  • Schnelle Änderungen der relativen Luftfeuchtigkeit erhöhten das Schlaganfallrisiko um maximal 30 Prozent.
  • Eine Abnahme des mittleren täglichen Luftdrucks von mehr als 10 hPa über 24 Stunden geht mit einem Anstieg des Schlaganfallrisikos um 46 Prozent einher.
  • Doch auch bei einem Anstieg des Luftdrucks von mehr als 10 hPa stieg das Schlaganfallrisiko in der Gesamtbevölkerung um maximal 63 Prozent, bei Personen mit erhöhtem kardiovaskulären Risiko stieg das Schlaganfallrisiko um ein Vierfaches an.

Vor allem Personen mit ausgeprägtem Risikoprofil für kardiovaskuläre Erkrankungen sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt.

Die Hypothese der Jenaer Forscher, dass einerseits rasche Wetterveränderungen einen Einfluss auf das Risiko für einen ischämischen Schlaganfall haben und andererseits besonders das Risiko für kardioembolische Ereignisse bei kalten Temperaturen steigt, konnte also bestätigt werden.

Kalte Temperaturen begünstigen das Einsetzten von Vorhofflimmern, welches die Hauptursache für kardioembolische Schlaganfälle darstellt.

Auch eine Erhöhung des systolischen Blutdrucks und eine Erweiterung des linken Vorhofs bei niedrigen Temperaturen sind mögliche Mechanismen für das erhöhte Auftreten von kardioembolischen Schlaganfällen.

Grundsätzlich sind besonders RisikopatientInnen bei raschen Veränderungen in Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Luftdruck gefährdet.

Fluktuationen

Von Januar 2012 bis Dezember 2016 widmeten sich auch ForscherInnen der Gifu Universität in Japan der Hypothese, dass kurzfristige Schwankungen der meteorologischen Gegebenheiten einen Schlaganfall auslösen könnten. Sie untersuchten Krankenwagen-Transportdaten von Schlaganfall PatientInnen, die vom Notfallpersonal der Präfektur Gifu aufgezeichnet wurden und kombinierten diese mit meteorologischen Daten zu Durchschnittstemperatur, durchschnittlichem Luftdruck und Luftfeuchtigkeit.

Mit ihren Untersuchungen identifizierten sie Temperatur- und Feuchtigkeits-Schwankungen als signifikante Risikofaktoren für einen Schlaganfall.

Höhere Temperaturen reduzierten das Schlaganfallrisiko, wohingegen eine radikale Änderung der Luftfeuchtigkeit sowie niedrige Temperaturen das Schlaganfallrisiko erhöhten.

Ausblick

Die Kenntnis über den Zusammenhang zwischen Wetter und Schlaganfallrisiko kann dazu beitragen, dass regionale Notfallmedizin-Systeme optimiert und öffentliche Gesundheitsbehörden ermutigt werden, um besonders gefährdete Menschen rechtzeitig bei extremen Kälte- und Hitzewellen zu warnen und somit schützen zu können.

Strategien zur Schlaganfallprävention können umgesetzt werden, indem PatientInnen und medizinische Versorgungseinrichtungen die Aufmerksamkeit auf frühe Anzeichen eines Schlaganfalls lenken und besondere Wetterbedingungen als Warnung erkennen, um rechtzeitig geeignete vorbeugende und behandelnde Maßnahmen treffen können.

Mal mild, mal kalt, dann wieder frühlingshaft, bevor es wieder frostig wird. Die derzeit abrupt wechselnden Temperaturen stellen uns nicht nur in puncto Kleiderauswahl vor eine Herausforderung. Auch das Hirn wird mächtig gefordert. So sehr, dass es aus dem Takt geraten kann.

Ist Kältegefühl nach einem Schlaganfall normal?

Das Kältegefühl im gelähmten Arm tritt häufig nach einem Schlaganfall auf . Manche Patienten empfinden es als sehr belastend, obwohl nur wenige deswegen einen Arzt aufsuchen. Die Kälte kann durch verschiedene Erkrankungen hervorgerufen werden, darunter das komplexe regionale Schmerzsyndrom (CRPS) und vasomotorische Veränderungen infolge des Schlaganfalls.

Was hilft gegen extreme Wetterfühligkeit?

Tipps gegen Wetterfühligkeit

  • Viel an der frischen Luft bewegen. Tägliches Spazierengehen bei jedem Wetter hilft dabei, den Organismus wieder besser auf die natürlichen Temperaturwechsel einzustellen.
  • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Trinken Sie pro Tag mindestens 1,5 Liter Wasser.
  • Regelmäßig Sport treiben.

Kälteempfindlichkeit: Häufig berichten Patienten von Kältegefühl in gelähmten Gliedmaßen, bedingt durch veränderte Gefäßreaktionen.