
Nach einem Schlaganfall, einer Hirnblutung oder einer anderen Hirnverletzung kann eine Hemiparese (halbseitige Lähmung) auftreten, die alltägliche Aktivitäten wie das An- und Ausziehen erheblich erschwert.
Betroffene sind häufig in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt und müssen neue Strategien erlernen, um ihre Selbstständigkeit möglichst zu erhalten. Durch gezielte Techniken, passende Kleidung und eine strukturierte Vorgehensweise kann der Ankleideprozess erleichtert und sicherer gestaltet werden.
Dabei steht nicht nur die praktische Bewältigung im Vordergrund, sondern auch die Förderung der Eigenaktivität und Lebensqualität der betroffenen Person.
Grundprinzip (sehr wichtig)
- Beim Anziehen: zuerst die betroffene (gelähmte) Seite anziehen
- Beim Ausziehen: zuerst die gesunde Seite ausziehen
So kann die stärkere Seite die schwächere unterstützen und Verletzungen werden vermieden.
Oberkörper anziehen (z. B. T‑Shirt, Pullover)
Typische Vorgehensweise (Ergotherapie‑Standard):
- Im Sitzen (Stuhl) anziehen → mehr Sicherheit
- Kleidungsstück auf die Oberschenkel legen
- Betroffenen Arm zuerst in den Ärmel führen
- Ärmel möglichst weit hochziehen
- Dann gesunden Arm in den zweiten Ärmel stecken
- Kleidung über Kopf ziehen und richten
Wichtig: Der gesunde Arm „führt“ den betroffenen Arm.
Unterkörper anziehen (Hose, Unterwäsche)
- Ebenfalls im Sitzen beginnen
- Betroffenes Bein zuerst in das Hosenbein führen
- Danach gesundes Bein
- Zum Hochziehen ggf. kurz aufstehen und festhalten
Sitzen reduziert das Sturzrisiko deutlich
Socken & Schuhe
- Wenn möglich: Bein über das andere legen
- Mit der gesunden Hand arbeiten
- Alternativ Hilfsmittel wie Anziehhilfe verwenden
Wichtige Vorsicht
- Schulter der betroffenen Seite ist gefährdet → nicht ziehen oder verdrehen
- Keine engen Kleidungsstücke (Verletzungsrisiko)

Wichtige Alltagstipps
Kleidung auswählen
- Weite, elastische Kleidung
- Große Öffnungen (Halsausschnitt, Ärmel)
- Klett, Magnetverschlüsse oder Gummibund
Umgebung vorbereiten
- Kleidung in richtiger Reihenfolge bereitlegen
- Stabil sitzen (Stuhl mit Lehne)
- Rutschige Situationen vermeiden
Rehabilitation beachten
Wiederholung und langsames Üben sind zentral.
Patient soll aktiv mitmachen, nicht alles abgenommen bekommen
Tipp – Kleidung mit Reißverschlüssen:
Kleidung mit Reißverschlüssen (vorne statt hinten oder seitlich statt oben) erleichtert das An- und Ausziehen erheblich. Sie können oft mit einer Hand geöffnet und geschlossen werden und ersparen komplizierte Bewegungen wie das Über-den-Kopf-Ziehen oder das Schließen von kleinen Knöpfen. Besonders hilfreich sind Jacken, Westen oder Hosen mit leichtgängigen, großen Reißverschlüssen.
Hilfsmittel bei Hemiparese
| Hilfsmittel | Beschreibung | Vorteile | Nachteile |
|---|---|---|---|
| Greifzange / Anziehhilfe (Reacher) | Verlängerter Greifarm zum Aufheben oder Führen von Kleidung | Kein Bücken nötig Unterstützt einhändiges Arbeiten | Erfordert Übung Weniger präzise |
| Strumpfanzieher | Gestell zum Überziehen von Socken ohne Bücken | Sicher und rückenschonend Fördert Selbstständigkeit | Nicht alle Socken geeignet Handhabung anfangs schwierig |
| Knöpfhilfe (Button Hook) | Stab mit Haken zum Schließen von Knöpfen | Erleichtert Feinmotorik Einhändig nutzbar | Nur für Knöpfe geeignet Braucht etwas Koordination |
| Reißverschlusshilfe (Zipper Pull) | Verlängerung am Reißverschlussgriff | Einfaches Öffnen/Schließen mit einer Hand Geringer Kraftaufwand | Nur bei vorhandenen Reißverschlüssen nutzbar |
| Klettverschluss- oder Magnetkleidung | Ersatz für Knöpfe/Reißverschlüsse | Sehr leicht anzuziehen Minimaler Kraftaufwand | Oft weniger „normal“ wirkend Kann sich schneller lösen |
| Anziehhilfe für Schuhe (Schuhlöffel, lang) | Verlängerter Schuhlöffel | Kein Bücken erforderlich Sicheres Anziehen | Begrenzte Funktion nur für Schuhe |
| Antirutschmatte | Unterlage für Kleidung oder Füße | Stabilität beim Anziehen Verrutscht Kleidung nicht | Kein aktives Hilfsmittel |
| Einhand-BHs / Vorderöffnung | Speziell angepasste Unterwäsche | Einfach mit einer Hand anzulegen Praktisch im | Eingeschränkte Auswahl |
| Hosen mit Gummibund | Ohne Knopf/Reißverschluss | Schnell und einfach anzuziehen Gut für Toilettengang | Weniger individuell anpassbar |
| Drehkissen / Ankleidehilfe Sitz | Erleichtert Drehen im Sitzen | Unterstützt Transfers Reduziert Sturzrisiko | Zusatzgerät nötig |
Wichtiger Hinweis:
Hilfsmittel sollten individuell angepasst werden und idealerweise in der Ergotherapie eingeübt werden, damit sie sicher und effektiv genutzt werden.

Lege die Kleidung vor dem Anziehen in der richtigen Reihenfolge bereit (Unterwäsche → Oberteil → Hose). So vermeidest du unnötige Bewegungen und kannst dich besser auf jeden einzelnen Schritt konzentrieren – besonders hilfreich bei eingeschränkter Koordination oder Planung der Bewegungen.
Das An- und Auskleiden sollte nicht nur als Alltagshandlung, sondern bewusst als Teil der Therapie gesehen werden. Jeder selbst ausgeführte Handgriff trainiert Beweglichkeit, Koordination und Körperwahrnehmung der betroffenen Seite. Deshalb gilt: So viel wie möglich selbst machen lassen, auch wenn es länger dauert – der Übungseffekt fördert langfristig die Selbstständigkeit und den Rehabilitationserfolg.
Extra-Tipp : Schuhe mit BOA‑Verschlusssystem:
Schuhe mit BOA‑Drehverschluss sind bei Hemiparese besonders gut geeignet, da sie einfach mit einer Hand bedient werden können. Durch Drehen am Verschluss lässt sich der Schuh schnell schließen und durch Ziehen wieder öffnen – ganz ohne Schnürsenkel. Dadurch wird das An‑ und Ausziehen deutlich erleichtert und beschleunigt. Zudem sorgt das System für einen sicheren Sitz, ohne dass sich der Schuh von selbst lockert.
Besonders hilfreich für Betroffene mit eingeschränkter Feinmotorik oder Kraft in einer Hand.
Das BOA‑Verschlusssystem ist teilweise auch als Nachrüst‑Kit erhältlich und kann an bestimmten herkömmlichen Schuhen angebracht werden. Dadurch können bereits vorhandene Schuhe zu einhändig bedienbaren Schuhen umgerüstet werden. Das erleichtert das An- und Ausziehen deutlich und spart die Anschaffung neuer Schuhe.
Wichtig: Die Nachrüstung funktioniert nicht bei allen Schuhmodellen gleich gut – je nach Material und Aufbau des Schuhs kann eine Anpassung eingeschränkt sein. Das BOA‑Verschlusssystem sollte von einem orthopädischen Fachmann (z. B. Orthopädieschuhmacher) angebracht oder nachgerüstet werden. So wird sichergestellt, dass der Schuh optimal sitzt, keine Druckstellen entstehen und die Funktion des Verschlusses zuverlässig bleibt.
Eine fachgerechte Anpassung ist besonders wichtig bei eingeschränkter Sensibilität oder Fehlstellungen nach Schlaganfall.
Quelle : Janina Wisniewski