
Das Training bei einem Neglect-Syndrom erfordert Geduld, Aufmerksamkeit und regelmäßige Übung.
Oft sind die Fortschritte anfangs klein und zeigen sich zuerst im
Alltag – zum Beispiel beim Lesen, Essen oder Gehen. Wer lernt, die
betroffene Seite bewusst wahrzunehmen und typische Fehler zu vermeiden, kann seine Selbstständigkeit Schritt für Schritt verbessern.
Entscheidend ist nicht die Dauer einzelner Übungen, sondern die konsequente Wiederholung im täglichen Leben.
Neglect-Syndrom: So kannst du im Alltag trainieren
Bei einem Neglect nimmt dein Gehirn eine Seite des Raumes oder des Körpers zu wenig wahr. Das Training soll dir helfen, diese Seite wieder bewusst zu beachten.
Blicktraining
- Drehe Kopf und Augen regelmäßig bewusst zur betroffenen Seite.
- Suche dort gezielt nach Gegenständen.
- Benenne laut, was du entdeckst.
Lesen
- Markiere den Zeilenanfang auf der betroffenen Seite mit einer farbigen Linie.
- Fahre beim Lesen mit dem Finger unter der Zeile entlang.
- Kontrolliere nach jeder Zeile, ob du wirklich ganz am Rand begonnen hast.
Essen und Tischaktivitäten
- Stelle wichtige Gegenstände auf die betroffene Seite.
- Scanne den Tisch vor und nach dem Essen bewusst von einer Seite zur anderen.
- Prüfe, ob noch Essen auf der vernachlässigten Seite des Tellers liegt.
Gehen und Orientierung
- Schaue beim Gehen regelmäßig zur betroffenen Seite.
- Suche aktiv nach Türen, Personen oder Hindernissen auf dieser Seite.
- Übe zunächst in einer sicheren Umgebung.
Körperwahrnehmung
- Betrachte im Spiegel die betroffene Körperseite.
- Berühre bewusst Arm, Hand oder Bein auf dieser Seite.
- Benenne die Körperteile laut.
Trainingsdauer
- Lieber 3–5 Mal täglich für 5–10 Minuten trainieren als einmal lange.
- Regelmäßigkeit ist wichtiger als Intensität.
Wie erkenne ich Fortschritte?
Fortschritte bei einem Neglect zeigen sich oft zuerst im Alltag und nicht unbedingt in formellen Tests. Du kannst auf folgende Zeichen achten:
- Du stößt seltener an Türrahmen oder Möbel auf der betroffenen Seite.
- Du findest Gegenstände schneller, die auf der betroffenen Seite liegen
- Beim Essen bleibt weniger auf einer Tellerseite liegen
- Beim Lesen überspringst du weniger Wörter oder Zeilenanfänge auf der betroffenen Seite
- Du drehst Kopf und Augen häufiger automatisch zur betroffenen Seite, ohne bewusst daran denken zu müssen.
- Du bemerkst Personen oder Bewegungen früher, die von der betroffenen Seite kommen.
- Du fühlst dich beim Gehen sicherer und musst weniger nachkorrigieren.
Einfaches Selbstprotokoll
Bewerte jeden Abend auf einer Skala von 0 bis 10:
- Aufmerksamkeit für die betroffene Seite
- Sicherheit beim Gehen
- Lesen
- Essen
Wenn deine Werte über mehrere Wochen langsam steigen, ist das ein gutes Zeichen.
Wichtig: Die Fortschritte verlaufen oft nicht gleichmäßig. Manchmal merkst du einige Tage kaum Veränderungen und stellst dann plötzlich fest, dass bestimmte Tätigkeiten deutlich leichter geworden sind. Das ist bei der Rehabilitation nach Schlaganfall oder Hirnverletzung normal.
Ein besonders gutes Zeichen ist, wenn Angehörige oder Freunde sagen: „Du schaust viel öfter nach links/rechts als früher.“ Oft bemerken andere die ersten Verbesserungen sogar früher als man selbst.

Baue einen festen „Blick nach links/rechts“-Anker in deinen Alltag ein.
Jedes Mal, bevor du:
- aufstehst,
- durch eine Tür gehst,
- die Straße überquerst,
- einen Raum betrittst,
- mit dem Essen beginnst,
machst du bewusst einen langsamen Blick zur betroffenen Seite.
Mit der Zeit wird diese Bewegung immer automatischer. Genau das ist das Ziel des Neglect-Trainings: nicht nur in Übungen besser zu werden, sondern die betroffene Seite wieder in den Alltag einzubeziehen.
Ein einfacher Merksatz ist:
„Stopp – Schau – Scanne.“
- Stopp kurz.
- Schau zur betroffenen Seite.
- Scanne die Umgebung von einer Seite zur anderen.
Viele kleine Wiederholungen über den Tag bringen oft mehr als eine lange Trainingseinheit.
Nicht “perfekt”, sondern “bewusst”. Schon das bewusste Wahrnehmen und Absuchen der betroffenen Seite ist ein Trainingserfolg.
Ein weiterer Tipp: Viele Therapeuten empfehlen, nicht nur nach Gegenständen zu suchen, sondern die gefundene Sache laut zu benennen (“Tasse”, “Fenster”, “Lampe”). Das erhöht die Aufmerksamkeit zusätzlich.