
Nach einer Hirnverletzung, einem Schlaganfall oder Schädelhirntrauma verändert sich die Körperwahrnehmung und Kraftverteilung.
Das Aufstehen wird zu einer komplexen Aufgabe: Der Körper muss Gewicht verlagern, Gleichgewicht finden und die
betroffene Seite aktivieren. Mit Hemiparese ist es entscheidend, das Aufstehen nicht als Kraftakt, sondern als kontrollierte Gewichtsverlagerung zu verstehen. Der Vierpunktstock oder eine stabile Stütze kann helfen, das Gleichgewicht zu sichern und die
Bewegung ruhig einzuleiten.
Ziel ist nicht Schnelligkeit, sondern Symmetrie und Sicherheit – das bewusste Spüren, wie das Gewicht von der Sitzfläche auf die Füße übergeht.
Aufstehen mit Hemiparese – Schritt für Schritt (ohne Stock)
Ausgangslage: Du sitzt auf einem Stuhl, hast eine betroffene Seite (z. B. rechts oder links) und willst sicher, kontrolliert und ohne Stock aufstehen.
1. Sitzposition vorbereiten
- Stuhl: Stabiler Stuhl, nicht zu weich, möglichst mit fester Sitzfläche.
- Füße: Beide Füße flach auf den Boden, leicht nach hinten unter die Knie stellen.
- Hände: Auf die Stuhlkante neben den Oberschenkeln oder auf die Armlehnen legen.
- Gewicht: Spüren, dass dein Gewicht noch klar auf der Sitzfläche liegt.
2. Betroffene Seite bewusst aktivieren
- Betroffene Seite berühren: Kurz Oberschenkel oder Knie der betroffenen Seite mit der
Hand berühren (1–2 Sekunden). - Kontakt spüren: Innerlich sagen: „Diese Seite macht mit.“
- Füße prüfen: Sicherstellen, dass beide Füße am Boden stehen – auch der betroffene Fuß.
3. Oberkörper nach vorne verlagern
- Bewegung einleiten: Langsam den Oberkörper nach vorne neigen, als würdest du dich über deine Füße beugen.
- Ziel: Dein Brustkorb kommt über die Füße, nicht nur ein bisschen nach vorne.
- Spüren: Merken, wie das Gewicht von der Sitzfläche auf die Füße wandert.
4. Gewichtsverlagerung bewusst wahrnehmen
- Pause einbauen: Kurz innehalten, wenn du merkst: „Jetzt tragen meine Füße das Gewicht, nicht mehr der Stuhl.“
- Kontrolle: Prüfen: Beide Füße stehen stabil. Die betroffene Seite ist nicht weggerutscht.
- Atmung: Ruhig weiteratmen, kein Pressen.
5. Aufstehen – langsam, nicht explosiv
- Druck über beide Beine: Mit den Händen leicht unterstützen (Stuhlkante/Armlehnen), aber Hauptarbeit über die Beine.
- Bewegung: Langsam nach oben drücken, nicht „hochspringen“.
- Ziel: In eine aufrechte Position kommen, ohne nach hinten zu kippen.
6. Im Stand kurz stabilisieren
- Nicht sofort loslaufen: Erst 1–2 Sekunden stehen bleiben.
- Spüren: Wo ist dein Gewicht? Stehst du auf beiden Füßen, auch auf der betroffenen Seite?
- Korrektur: Wenn du merkst, du hängst nur auf der gesunden Seite: Gewicht bewusst ein wenig zur betroffenen Seite verlagern.
7. Erst nach der Stabilisierung losgehen
- Wenn du dich stabil und sicher fühlst, kannst du den ersten Schritt machen.
- Wenn nicht: lieber noch einmal kurz nach vorne lehnen und neu ausbalancieren, statt zu schnell loszugehen.

„Erst Gewicht – dann Bewegung“
Bevor du dich hochdrückst, spüre dein Gewicht auf beiden Füßen.
So gehst du vor:
- Füße leicht zurückstellen, beide flach am Boden.
- Stock oder Armstütze bereit halten – auf der gesunden Seite.
- Oberkörper leicht nach vorne neigen, bis du spürst: „Mein Gewicht liegt auf den Füßen.“
- Erst dann mit ruhigem Druck über die Beine aufstehen.
- Kurze Pause im Stand – Gleichgewicht spüren, bevor du losgehst.
Diese bewusste Gewichtsverlagerung aktiviert die betroffene Seite, reduziert Sturzrisiko und stärkt die Kontrolle über die Bewegung.
Der wichtigste Tipp beim Aufstehen mit Hemiparese ist, den Schwerpunkt bewusst über die Füße zu bringen, bevor du dich hochdrückst. Ohne diese Schwerpunkt‑Verlagerung bleibt der Körper „hinten hängen“ und das Aufstehen wird unsicher.
Extra-Tipp über den Schwerpunkt: „Nase über die Zehen“
Der einfachste Weg, den Schwerpunkt richtig zu verlagern: Beuge dich so weit nach vorne, bis deine Nase über deinen Zehen steht. Das ist der Moment, in dem dein Schwerpunkt vor der Sitzfläche liegt — erst dann kann der Körper sicher aufstehen.
Warum dieser Tipp so wirksam ist
- Er verhindert, dass du nach hinten wegkippst.
- Er aktiviert automatisch die betroffene Seite.
- Er reduziert Kraftaufwand, weil du nicht „gegen die Schwerkraft“ arbeitest.
- Er gibt deinem Gleichgewichtssystem einen klaren Startpunkt.
So machst du es konkret (kurz & neurofreundlich)
- Füße etwas zurückstellen.
- Hände auf die Stuhlkante oder Armlehnen.
- Langsam nach vorne beugen, bis Nase über Zehen.
- Kurz spüren: „Mein Gewicht ist jetzt vorne.“
- Erst dann ruhig aufstehen.