Schlaganfälle sind behandelbar, aber Mythen gefährden Leben. Die wichtigsten Fakten: Ein Schlaganfall ist keine reine Alterskrankheit, kann jeden treffen, und bei Symptomen zählt jede Minute (Notruf 112/144). “Leichte” Schlaganfälle (TIAs) sind ernste Warnsignale. Schnelles Handeln rettet Gehirnzellen und ermöglicht oft eine gute Genesung.
Hier sind die gängigsten Mythen und Fakten:
- Mythos: Schlaganfall ist ein Schicksal, gegen das man nichts tun kann.
- Mythos: Nur ältere Menschen bekommen einen Schlaganfall.
- Fakt: Obwohl das Risiko mit dem Alter steigt, können auch jüngere Menschen und Kinder einen Schlaganfall erleiden.
- Mythos: Symptome sind immer Schmerzen oder Bewusstlosigkeit.
- Fakt: Ein Schlaganfall ist oft schmerzlos. Typisch sind plötzliche Lähmungen, Sprachstörungen, Sehstörungen oder Schwindel.
- Mythos: Eine leichte TIA („Schlagerl“) ist harmlos.
- Fakt: Eine transitorische ischämische Attacke (TIA) ist ein Warnsignal. Innerhalb der nächsten Stunden oder Tage besteht ein hohes Risiko für einen schweren Schlaganfall.
- Mythos: Nach einem Schlaganfall ist das Leben vorbei.
- Fakt: Dank moderner Akutmedizin (Stroke Units) und Rehabilitation können viele Betroffene nach einem Schlaganfall ein selbstständiges Leben führen.
- Mythos: Aspirin hilft immer zur Vorbeugung.
- Fakt: Aspirin zur Schlaganfallprävention ist nur für Menschen mit erhöhtem Risiko sinnvoll. Ohne ärztliche Beratung kann es gefährliche Blutungen verursachen.
- Mythos: Bei Schlaganfallverkürzung der Nerven.
- Fakt: Gehirnzellen sterben durch Sauerstoffmangel ab; sie verkürzen sich nicht.
Anmerkung: Bei Verdacht immer sofort den Notruf (112) wählen.
„Ischämische Schlaganfälle verlaufen bei Frauen und Männern gleich.“
Viele gehen davon aus, dass der Verlauf von ischämischen Schlaganfällen bei Frauen und Männern gleich ist. Tatsächlich gibt es keinen Hinweis darauf, dass Frauen mit einem akuten ischämischen Schlaganfall anders diagnostiziert oder behandelt werden sollten als Männer.
Trotzdem scheint es in Bezug auf Risikofaktoren wie auch auf Symptomkonstellationen zwischen Schlaganfallpatient*innen einige bemerkenswerte Unterschiede zu geben:
- Betroffene Frauen sind bei einem Schlaganfall im Schnitt 5,2 Jahre älter als Männer.
- Hypertonie und Vorhofflimmern (VHF) treten häufiger bei Patientinnen, Alkohol- oder Nikotinkonsum, Hyperlipidämie und Diabetes mellitus häufiger bei Patienten auf.
- Frauen scheinen eher kardioembolische, Männer eher atherothrombotische Schlaganfälle zu erleiden.1
- Der Schweregrad des Schlaganfalls ist nicht eindeutig geschlechtsabhängig. Manche Studien sehen hier keinen Unterschied, andere kommen zu dem Ergebnis, dass Frauen mehr schwere Schlaganfälle erleiden als Männer.
- Frauen zeigen in der Akutphase möglicherweise häufiger atypische Schlaganfallsymptome wie Bewusstseinsstörungen, Inkontinenz oder Schluckstörungen.
- Bei einer oralen Antikoagulationstherapie aufgrund von VHF haben Frauen unter Vitamin-K-Antagonisten (VKAs) ein signifikant höheres residuelles Schlaganfallrisiko als Männer – auch bei optimaler INR-Einstellung.
- Im Gegensatz dazu, sind die Raten für Schlaganfälle oder systemische Embolien bei der Behandlung mit Nicht-VKA oralen Antikoagulanzien (NOAKs) bei Frauen und Männern vergleichbar.
„ASS ist bei der Schlaganfallprävention stets das Mittel der Wahl.“
In Deutschland ist die Acetylsalicylsäure (ASS) in der Regel die favorisierte Option für die Thrombozytenaggregationshemmung (TAH) in der Schlaganfallsekundärprävention. Und noch immer kursiert die Annahme, dass ASS in jedem Fall das Mittel der Wahl zur Schlaganfallprävention ist.
Tatsächlich empfiehlt keine Leitlinie für die allgemeine Bevölkerung einen TAH zur Primärprävention von zerebrovaskulären Ereignissen. Laut der aktuellen S3 Leitlinie zu Schlaganfällen der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin e.V. (DEGAM) sei dadurch keine Risikoreduktion erreichbar.4 ASS eigne sich allenfalls bei Patient*innen mit einem deutlich erhöhten kardiovaskulären Risiko ([gt] 20 %/10 Jahre) zur Primärprävention von Herzinfarkt und Schlaganfall, so die Autoren.
Hinzu kommt, dass die Studien ARRIVE, ASCENS und ASPREE gezeigt hätten, dass niedrig dosiertes ASS (100 mg/Tag) in der Primärprävention von Herz-Kreislauf-Ereignissen bei sonst gesunden älteren Personen sowie bei Personen mit mäßig erhöhtem kardiovaskulärem Risiko nicht effektiv sei.
Anders sieht es nach einem akuten ischämischen Schlaganfall oder einer transitorischen ischämischen Attacke (TIA) aus. Hier sollte den Betroffenen grundsätzlich eine TAH-Therapie angeboten werden – zumindest sofern kein VHF oder eine hochgradige symptomatische Karotisstenose vorliegt.
Bei Patient*innen mit VHF bietet ASS nach den aktuellen europäischen Behandlungsleitlinien keinen ausreichenden Schutz vor Schlaganfällen. Empfohlen wird hier eine orale Antikoagulationstherapie mit NOAKs.
„Rotwein ist gut fürs Herz.“
In der französischen Bevölkerung sind die Raten für koronare Herzerkrankungen laut Buljeta et al. niedrig, obwohl die landestypische Ernährung auf viel Cholesterin und gesättigten Fettsäuren basiere.
Einer der möglichen Gründe für das sogenannte „französische Paradoxon“: der moderate und regelmäßige Weinkonsum der Französinnen und Franzosen. Dies erkläre das zunehmende Interesse der Wissenschaft am Zusammenhang von Wein und der kardiovaskulären Gesundheit, so die Autorinnen und Autoren. Aber ist das Paradoxon auch der Ursprung für den Mythos „Rotwein ist gut fürs Herz“?
Weaver et al. führten den Mythos des gesunden Glas Rotweins auf die Annahme zurück, dass die darin enthaltenen sekundären Pflanzeninhaltsstoffe wie Flavonoide und Polyphenole einen positiven Einfluss auf die Herzgesundheit haben. Dabei wird besonders häufig das Polyphenol Resveratrol genannt. Für Resveratrol wird neben einem positiven Einfluss auf den Blutdruck auch das Potenzial zur Erhöhung des HDL-Spiegels diskutiert.
In Studien zeigt sich allerdings kein einheitliches Bild bei der Wirkung des Resveratrols. Zudem werden hier häufig sehr hohe Dosierungen von 100 bis 3.000 mg täglich eingesetzt. Der Resveratrolgehalt in Rotwein schwankt je nach Rebsorte erheblich und liegt mit durchschnittlich 0,24 mg pro 100 ml deutlich unter den oben genannten Werten.
Ein anderer Aspekt ist der Effekt des Alkohols. Auch hier gibt es widersprüchliche Erkenntnisse: Während einige Studien positive Effekte eines moderaten Alkoholkonsums aufzeigen, weisen andere Arbeiten auf eine Erhöhung des Risikos für Herzerkrankungen hin.
So kann schon ein geringer regelmäßiger Alkoholkonsum (1,2 Gläser/Tag bzw. 2 g Alkohol/Tag) mit einem erhöhten Risiko für VHF verbunden sein. Auch in Bezug auf hämorrhagische Schlaganfälle scheint es ein linear ansteigendes Risiko mit zunehmender Alkoholaufnahme zu geben. Bei dem Risiko für ischämische Schlaganfälle zeigt sich hingegen das Bild einer J-Kurve: Geringe bis moderate Alkoholmengen scheinen hier mit einem gewissen protektiven Effekt einherzugehen.
Bei einem Schlaganfall fällt man einfach um
Das stimmt nur teilweise. Plötzliche Bewusstlosigkeit kann zwar auch ein Symptom sein. Dies ist jedoch eher die Ausnahme. Die häufigsten Symptome sind plötzliche Lähmungserscheinungen oder Taubheit, insbesondere auf einer Körperseite, sowie Sprach- oder Sehstörungen. Auch starker Schwindel mit Gangunsicherheit kann ein Schlaganfallsymptom sein. In diesem Rahmen oder durch die plötzliche Lähmung kann es durchaus zu Stürzen kommen.
Nach einem Schlaganfall ist das Leben vorbei
Nein. Viele Menschen können, wenn der Schlaganfall rasch erkannt und behandelt wird, ein selbständiges Leben führen. Die Überlebenschancen und die Lebensqualität nach einem Schlaganfall haben sich dank moderner medizinischer Fortschritte in Therapie und Rehabilitation erheblich verbessert.
Ein Schlaganfall kann uns alle treffen
Ja, ein Schlaganfall kann tatsächlich Jeden und Jede treffen, unabhängig von Alter oder Geschlecht, auch wenn das Risiko eines Schlaganfalls mit steigendem Alter zunimmt. Zu den Risikofaktoren gehören vor allem Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Diabetes, erhöhte Blutfettwerte (Cholesterin), Übergewicht, Bewegungsmangel und Rauchen. In der Schweiz erleiden jährlich über 20’000 Menschen einen Schlaganfall.
Ein Schlaganfall trifft nur ältere Menschen.
Nein, das ist ein Mythos. Ein Schlaganfall ist keine reine Alterskrankheit und kann jeden treffen, vom Säugling bis zum Greis. Zwar steigt das Risiko mit dem Alter, doch etwa 25 % der Betroffenen sind jünger als 65 Jahre. Auch junge Erwachsene und sogar Kinder können einen Schlaganfall erleiden, oft ausgelöst durch Bluthochdruck, Rauchen oder Herzprobleme.

Wie sie bei Verdacht auf Schlaganfall richtig handeln (link)
Ein Schlaganfall ist ein Notfall und erfordert deshalb umgehende ärztliche Behandlung!
